Liebe Eltern,

in diesem Schuljahr haben uns viele Diskussionen rund um die Zukunft des Gymnasiums begleitet. Wir hatten zu diesem Thema den Gastvortrag bei unserer Hauptversammlung im Herbst letzten Jahres, und die Medien waren und sind voll mit bildungspolitischen Ideen, Einsparungen, Trends, Fehlleistungen und Skandalen, und den Debatten zu Reformen und Neuerungen (Zentralmatura, Bildungsstandards, SQA - Schulqualität Allgemeinbildung, modulare Oberstufe, Kompetenzorientierung,…).

Gerade die Schulform Gymnasium steht im Spannungsfeld der Politik. In Niederösterreich gibt es heute 60 AHS mit etwa 35.000 Schülern. Beim Übertritt von der Volksschule in die Sekundarstufe besuchen 36% der Kinder eine Hauptschule, 26% besuchen eine Neue Mittelschule (NMS), und 33% der Kinder besuchen eine AHS. Bei detaillierter Analyse fällt die hohe Korrelation zwischen den Bildungsabschlüssen der Eltern und dem Bildungsweg ihrer Kinder auf. Dieses Faktum erklärt die bildungspolitischen Prioritäten - Haupttreiber der Diskussionen sind die soziale Durchmischung und die Chancengerechtigkeit.

Für die Gymnasien sind finanzielle und in manchen Gebieten auch räumliche Ressourcen, sowie geeignete und geprüfte Lehrer oft nicht mehr in ausreichender Anzahl gegeben. Die NMS wird dagegen gefördert und gilt als Erfolgsgeschichte. Der Ausbau NMS wird also eine Verschiebung bringen, die NMS soll je nach politischer Richtung die AHS Unterstufe entweder gleich abschaffen, oder soll die AHS Unterstufe zu einer Schule für besonders Begabte umgeformt werden.

Aber – zur Chancengerechtigkeit ist anzumerken, dass in Niederösterreich doppelt so viele Schüler nach der 8.Schulstufe von der Hauptschule/NMS in eine BHS als in die AHS gehen und so die Matura erlangen. Es stimmt also nicht, dass nur die AHS Unterstufe zu einer Matura führt. Folgt man szi­en­ti­fischen Erkenntnissen, ergibt sich als weiterer Irrtum die Annahme, dass die soziale Durchmischung in einer NMS besser wäre als in einer AHS.

Wissenschaftliche Betrachtungen kommen zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass es vor allem auf den Standort und auf das „Innenleben“ einer Schule ankommt. Die Unterschiede zwischen den Standorten sind mitunter größer als die Unterschiede zwischen den Schultypen. Es gibt sehr unterschiedliche Schulen des gleichen Schultyps.

Schulen sind eben grundsätzlich unterschiedlich, und werden auch die Standardisierungsabsichten der Politik daran nichts ändern. Warum nicht? Die Bildungsstandards definieren Kompetenzen, und die Zentralmatura misst die erworbenen Kompetenzen. Dabei kommen Schulen und Lehrende unter Rechtfertigungsdruck, den Schülern die geforderten Mindestkompetenzen beizubringen. In der Theorie sollen zentrale Abschlussprüfungen den Leistungsstand der Schüler für Eltern, Lehrer und potentielle Arbeitgeber oder weiterführende Bildungseinrichtungen sichtbar machen, und im Zuge dessen sollen sich Lernanstrengungen und Leistungsanstrengungen der Schüler erhöhen, was zu besseren Schülerleistungen führen soll.

Aber – folgt man den wissenschaftlichen Ausführungen zu diesem Thema, gibt es empirisch wenig Anlass anzunehmen, dass mit der Einführung zentraler Leistungsmessungen das allgemeine Leistungsniveau steigen wird oder soziale Ungleichheiten abgebaut werden.   

Leistungsklima und Klassenklima stehen wohl in engem Zusammenhang. Und diese Klimata hängen von den „Standortqualitäten“ ab. Nicht die Maturaquote oder PISA-Resultate sind das entscheidende Kriterium, sondern der gelingende Übergang von der Schule in nachfolgende Bildungswege, Beruf und Arbeitswelt. Dieser Übergang meint die bestmögliche Vorbereitung auf das Leben nach der Matura, und um dieses Kriterium zu erfüllen, sind engagierte Schüler, Lehrer und Eltern gefordert.

Am BG Hollabrunn sind wir in der glücklichen Situation, motivierte Lehrer, Schüler und Eltern zu haben, die gemeinsam an der Maximierung der Standortqualitäten arbeiten, und dabei werden die Kernkompetenzen der AHS fokussiert. Dies lässt sich auch an der Anzahl der durchgeführten und zum Teil durch den Elternverein finanziell geförderten Exkursionen, Theaterfahrten und -workshops, Sprachenschwerpunkte, Studienreisen etc. eindrucksvoll belegen und wird durch die zahlreichen Beiträge in diesem Jahresbericht illustriert.

Wie sieht es allgemein aus mit der Zukunft des Gymnasiums?  Der Schultyp AHS erscheint bildungspolitisch benachteiligt bis gefährdet. Rechtfertigungspflichten und Ressourcenverknappungen werden zunehmen, und politische Rezepte zur „Rettung“ des Gymnasiums sind nicht in Sicht.

Die Chancen für das Gymnasium liegen jedenfalls im Ausbau der Standortqualitäten.  Auf eine einzelne Schule umgemünzt verlangt die Situation die Entwicklung einer proaktiven Standortpolitik, getrieben von der Direktion gemeinsam mit der Schulgemeinschaft. Eine individuelle und maßgeschneiderte Standortpolitik sorgt dafür, dass die jeweilige Schule im Gefüge des Standorts und über ihren eigenen Kreis hinaus zur erfolgreichen Benchmark für andere wird und an Prestige gewinnt. Für eine wirklich flexible Standortpolitik müssten Schul- und Unterrichtsorganisation aber wohl entfesselt werden und autonom agieren können.

Ich bedanke mich bei der Direktion, allen Lehrern und Schülern, und bei den Eltern für die gute Zusammenarbeit und Ihren aktiven persönlichen Einsatz und wünsche Ihnen allen einen schönen Sommer!

Mag. Alexander Strobl